Kerze

Für das religiöse Erleben in meiner Kindheit – in einem kleinen Dorf auf dem Land – waren zwei Dinge für mich wichtig und letztlich ausreichend: Der Dechant Valentin B., schon ein etwas in die Jahre gekommener Herr, war ein begnadeter Erzähler. Im Religionsunterricht der Volksschule verursachte er mit seinen biblischen Geschichten das lebhafteste Kino in meinem Kopf. Heute noch habe ich einzelne Filmsequenzen parat. Einmal im Jahr, am Fronleichnamstag, fand ein farbenfroher Umzug im Dorf statt, bei dem der Dechant unter einem Baldachin ging und eine goldene Monstranz vor sich her trug, in die er konzentriert hineinblickte. Dieses Hineinblicken war stets ein Geheimnis und Rätsel. Was konnte der Dechant sehen, was mir zu sehen verwehrt blieb? Jetzt, nach mehr als 50 Jahren, taucht plötzlich meine Erstkommunionskerze auf (meine Mutter hat ihren Dachboden entrümpelt). Auf der beiliegenden Ansteckschleife steht „Andenken an meine heilige Kommunion“. Zu dieser Veranstaltung habe ich keine einzige Erinnerung, kein inneres Bild und nichts. Ich könnte bloß Fantasien dazu andenken und eine Geschichte erfinden. Die Personen darin würden heißen: Sepp, Erwin, Hans, Sigrid, Armin, Dorli, Wolfgang und Brunhilde.
Erich Hubmann