Meine Schallplatten

Onkel Willi wurde Witwer. Das Begräbnis der Tante habe ich geschwänzt, obwohl ich sie als Kind sehr gerne hatte. Ein bisschen auch aus schlechtem Gewissen heraus habe ich ihn dann nach ein paar Wochen besucht. Ich kannte natürlich die Umstände schon, das tatsächliche Ausmaß seines Zustandes fand mich aber dennoch unvorbereitet. Eine finstere winzige Bude, er war nicht mal in der Lage sich um die Notstandshilfe zu kümmern und ich habe gelernt, dass man eine Toilette durchaus auch als Vorratsraum nutzen kann. In den kommenden Monaten waren wir dann beschäftigt mit Übersiedlung und diversen Behördenwegen und ich lernte dafür die eigenartig faszinierende Welt seiner geliebten Wirtshäuser kennen. Das Wirtshaus, sein wahres Leben, auf dessen Altar er jede freie Minute und wohl auch ein besseres Leben geopfert hatte. Ein seltsames Sammelsurium an mehr oder weniger gescheiterten Existenzen und einsamen Seelen. Mehr Männer, aber durchaus auch Frauen, hier entweder als „Pupperl“ oder „gnädige Frau“ tituliert, nach meiner Einschätzung weitgehend unabhängig von Alter oder Aussehen. Das Publikum ist scheinbar überall dasselbe. Der Kellnerin, wiewohl eher doch ein reichlich verblühtes Mädchen, wird dennoch gönnerhaft auf den Popsch gehauen. Nicht alle reden, manche sitzen auch bei einem Viertel stundenlang und hören nur zu. Ansonsten erinnere ich mich an durchaus lebhafte Gespräche quer über die Tische, die auch schon mal Spaß gemacht haben. Dort in den Wirtshäusern hatte Onkel Willi auch seinen unternehmerischen Lebensmittelpunkt. Er betrieb jahrzehntelang Jukeboxen in diversen Lokalen. Leider hatte ihn die Umstellung auf computerartige CD-Wurlitzer Mitte der 80er Jahre ums ohnehin nie recht üppige Geschäft gebracht. Ein anfangs vielversprechender Versuch auf Glücksspielautomaten umzusteigen, endete mit einem kräftigen blauen Auge. Den schlagenden Argumenten der Konkurrenz um dieses weit lukrativere Geschäft hatte er nichts entgegen zu setzen. „Thomas“, sagte er zu mir vor der Übersiedlung in ein besseres Domizil, „ich habe am Dachboden noch ein paar Schallplatten, magst du die haben? Sonst werfe ich sie weg.“ Die „paar“ Platten entpuppten sich als Wäschekörbe mit tausenden Vinyl Singles, alle ohne Cover, denn die gab‘s extra in einer eigenen riesigen Schachtel. Alles was ab den frühen 60er Jahren so an Rock & Schnulzen in seinen Jukeboxen drin und dann wieder draussen war. Die 25 Jahre seither verbringe ich damit, das eher längerfristig angelegte Projekt „Putzen, polieren und das passende Cover suchen“ einer Finalisierung zuzuführen. Dessen Abschluss harre ich zwar noch immer, das Dutzend Schachteln begleitet mich aber seither bei allen Übersiedlungen. Aktuell besitze ich, seit meine Mama mein vollständiges 78er Panini Album nebst meinen kompletten Penthouse Jahrgängen „ausgemistet“ hat, außer diesen Platten nichts, was ich seinerzeit schon mein Eigen nannte. Onkel Willi ist schon im Jahr darauf, 3 Päckchen „HB“ pro Tag, später dann „Johnny“, haben ihren Tribut gefordert, gestorben. Manchmal frage ich mich, ob es diese seltsame Wirtshaus Parallelwelt in Wien noch immer gibt? Sind die Schallplatten nun ein Vermögen wert, wie manche behaupten? Oder sind sie, weil ja vielfach zerkratzt und schmutzig, auch reichliches Schnulzenprogramm, eher dem Sperrmüll zuzurechnen? Mein Entschluss die Sortierung durchzuführen und das festzustellen, ist unumstößlicher denn je.
Thomas Friedl