Der gelbe Wecker

Ich war ungefähr zehn oder zwölf Jahre alt, als dieser gelbe Wecker in meinem Zimmer landete, er wanderte innerhalb der Familie hin und her, je nachdem, wer gerade früh aufstehen musste. In dieser Zeit dürfte ich dann irgendwann beschlossen haben, dass es mein Wecker ist, denn einige Jahre später ist er ganz selbstverständlich mit in meine erste WG gezogen, vielleicht unbewusst als kleine, tickende Verbindung zur Familie. Seit damals hat er mich von Wohnung zu Wohnung begleitet, von Linz nach Rom und weiter nach Wien. Letztlich war er über Jahrzehnte so selbstverständlich da, dass er mir gar nicht mehr richtig aufgefallen ist. Aufgefallen ist er mir erst wieder, als vor 2 Jahren das Schlafzimmer ausgemalt wurde und ich mir aus einer Veränderungslaune neben einem neuen Bett auch einen neuen, kleineren, unauffälligeren, grauen Wecker zugelegt habe. Handy, Digital- oder Radiowecker kann ich in Bettnähe nicht leiden, zumindest nicht auf Dauer. An Schlaf war dann leider bereits in der ersten Nacht nicht zu denken, weil mich das objektiv gesehen zwar recht leise, aber extrem hektische Geräusch des „Neuen Grauen“ fast wahnsinnig machte. In meiner subjektiven Wahrnehmung wurde er nervtötend laut und sein rasend schnelles Ticken gab mir das Gefühl, dass mir die Zeit buchstäblich davonläuft, dass ich gar keine Zeit zum Schlafen habe. Also sofortiger Wechsel zurück zum „Gelben“ und mir wurde klar, wie sehr ich mich an ihn gewöhnt hatte, sein eigentlich ziemlich lautes Hämmern nehme ich die meiste Zeit gar nicht wahr, so sehr scheint sich unser beider Herzrhythmus über die Jahre angepasst zu haben. Seither tickt er wieder unaufgeregt, gemütlich neben dem Bett, nur selten schiebt sich kurz auch sein Ton in meine bewusste Hörwahrnehmung und erinnert auch er mich an das Vergehen der Zeit, zumindest aber dehnt er dann die Dauer der vergehenden Sekunden so versöhnlich in die Länge, dass ich beim Sekunden statt Schafe zählen beruhigt in den Schlaf dämmern kann. Der „Neue Graue“ landete schließlich im Gästezimmer, wo er vor Kurzem nach nur zwei Jahren den Geist aufgegeben hat, seine hektisch tickende Zeit ist überdimensional schnell abgelaufen.
Hertha Hurnaus