Handlicht

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen, da muss ich etwa vier Jahre alt gewesen sein, für frühere Bilder gibt’s keinen Speicherplatz, weil die Eindrücke offenbar nicht nachhaltig genug waren, jeden Tag kam ja eine neue Sensation dazu, die die vorherige verdrängt hat, also diese eine frühe Erinnerung war, dass wir an einer bösen Landstraße lebten, böse deshalb, weil rund um die Uhr heftiger Verkehr auf ihr an unserem Haus vorbeitobte, diese Straße zu überqueren war mir und meiner zwei Jahre jüngeren Schwester natürlich strengstens untersagt, die Straße wurde als gieriges, gefräßiges Tier dargestellt. Eines Abends passierte etwas auf dieser Straße, der Verkehr brach plötzlich ab, es war so still wie nie, aber viele Lichter flackerten in unsere Wohnung, meine Schwester und ich durften aber nicht raus, die Bedrohung war offenbar näher gekommen, wir standen auf dem Sofa am Fenster, durften zumindest die Gardine beiseite schieben und mutmaßen, was da draußen vor sich ging oder gegangen war, während unsere Mutter mit einer kleinen Taschenlampe rausging, diese Taschenlampe war für mich das Synonym für Sicherheit, solange du sie hast, kann dir nichts passieren, wie ein optisches Halteseil im Dunkeln, wir sahen Mutters kleines Licht draußen flackern, wir wussten ja, sie kommt wieder, das optische Signal versprach es. Irgendwann kam sie verstört zurück, sie wollte nicht sagen, was sie da beleuchtet hatte, was da draußen passiert sein konnte. Später erzählte sie es uns doch, weil uns natürlich die Neugier schier zerriss. Ein alter Mann wollte betrunken die Landstraße überqueren, und wurde von einem Lastauto erfasst und getötet (das wird sie nicht gesagt haben, sie wird gesagt haben, er sei krank geworden, oder irgendwas kindgerechtes). Viel später schenkte sie mir diese Taschenlampe, aber aus einem anderen Grund, nicht dass ich im Alter noch nach Details aus jener Nacht gebohrt hätte, wie der Tod des Mannes beschaffen sein musste, nein, weil diese kleine Taschenlampe plötzlich erklärte, woher das Wort herkommt, womit wir unsere Mobiltelefone bezeichnen, das Wort existiert im deutschen Sprachschatzkästchen nämlich schon etwas länger, nämlich lange bevor die Telefone ihre Schnüre loswurden. Vermutlich waren sogar die Japaner schuld. Denn Anfang der sechziger Jahre entwickelte die Firma Daimon (japanisierte Version von Diamond) diese kleine Taschenlampe und nannte sie Handy. Aus dem Handlicht wurde ein Handtelefon, beide praktisch, handlich, griffbereit, und für mich bis heute das Versprechen, dass ich mir keine Sorgen machen müsse.
Tex Rubinowitz