18. Sept. 73

Hallo, Ihr Süssen!

Diesmal kann ich euch schon mehr berichten, denn obwohl ich erst seit 2 Tagen hier bin, habe ich das Ge- fühl schon sehr viel erlebt zu haben. So habe ich zum Beispiel schon ein Bankkonto eröffnet mit einem Scheckbuch, mit dem ich auch die kleinsten Summen in Schecks zahlen kann und so nie Bargeld verlieren kann. Die einzige Bedingung ist, daß man immer eine Einlage von $ 100 hat. Aber die brauche ich sowieso als Reserve. Wenn Ihr es erübrigen könnt, dann überweist mir bitte An- fang jedes Monat $ 50 (ca. 1000 S). Ich habe zwar einstweilen noch genug, aber die Kurse muß man zu Beginn zahlen, eine Hose brauche ich auch unbedingt.

Es gibt hier irrsinnig viele Kurse die man besuchen kann und man kann einfach alles lernen was es gibt. Ich habe einen Kurs ausgesucht, indem man Englisch sprechen lernt, denn die Grammatik kenne ich ja. Außerdem einen Kunstgeschichtekurs, in dem man auch alle Museen besucht, so sehe ich wenigstens gleich etwas.

Außerdem werde ich einen Kurs in der Schule von Mrs. Wilson besuchen, der für Studenten ist, wo man alle Arten zu malen lernt. Dort war ich übrigens gestern schon und ich muß sagen, es war „very, very nice“. Dort bekomme ich höchstwahrscheinlich auch einen Job als „Asistentin“ von Mrs. Wilson. Bitte sagt allen, besonders Großmutter u.s.w., sie sollen nicht böse sein, wenn ich nicht gleich schreibe, aber ich muß mich erst „einbürgern“. Einstweilen hab ich noch so viel zu tun, daß ich richtig heimkomme, mir Straßennamen merke, Geschäfte usw. Zum Denken komm ich gar nicht. Ich bade übrigens jeden Tag in der früh, …! Die Schwester von Irma, Anne, wohnt jetzt auch hier und das ist gut, denn so kommen junge Leute her. Die haben mich schon eingeladen, mit ihnen zu musizieren, das heißt, ich spiele natürlich Klavier.

Katzen haben wir inzwischen 2 und wir entdecken dauernd etwas, wo sie hinmachen.

Die Leute sind hier so wahnsinnig freundlich, niemand ist grantig und alle Leute, die sich gar nicht kennen, sprechen miteinander und helfen einem sofort.

Mit der Gas- und Benzinversorgung ist es übrigens hier schon viel schlimmer als ihr denkt, jetzt gibt es z.B. 3 Tage kein Benzin und alles wird in Papier verpackt, nicht in Plastik.

Aber ich bin blöd, ich muß euch ja schreiben, wohin ihr das Geld überweisen könnt, also:
HARVARD TRUST COMPANY, Cambridge, Mass.
Banknummer: 0113 0060
Meine Kontonummer: 12556457.
Auch die Telefonnummer kann ich euch sagen: Vorwahl 617
weiter: 491 1195.

Im Haus nebenan übt gerade jemand Schlagzeug spielen, mit ziemlicher Ausdauer.

Anziehen kann man hier so ziemlich alles, ohne aufzufallen.

Ich muß jetzt Schluß machen, denn ich gehe mit Mrs. Wilson mich im Kurs anmelden!

Alles Gute, viele Bussi
An euch alle
Eure Martina